Nighttime Culture Index: Ein Clubticket kostet in Sydney eine Stunde Arbeit, in Lagos 25 – was die erste Vermessung der Nachtkultur zeigt
Nighttime Culture Index: Ein Clubticket kostet in Sydney eine Stunde Arbeit, in Lagos 25 – was die erste Vermessung der Nachtkultur zeigt
Sechs Städte auf sechs Kontinenten, 30 Indikatoren, über 12.000 ausgewertete Line-ups: Das Amsterdam Dance Event und die Agentur VibeLab haben zum ersten Mal versucht, den kulturellen Wert der Nacht zu messen – nicht den wirtschaftlichen. Wir hatten die Premiere im ADE-Beitrag angekündigt. Jetzt liegen die Zahlen vor, und einige davon erklären unsere eigene Szene besser als jede Berlin-Studie.
Das Wichtigste vorweg
Der Nighttime Culture Index bewertet Amsterdam (63,0 von 100), Sydney (62,9), New York (61,2), Seoul (50,0), São Paulo (47,7) und Lagos (36,9) in sechs Dimensionen – von Räumen und Infrastruktur über Vielfalt bis zum politischen Schutz der Nacht. Die Macher betonen, dass es kein Ranking sein soll, sondern eine Landkarte. Die stärksten Befunde: Ein Clubticket kostet in Sydney 1,13 Stunden Mindestlohn, in Lagos 24,76. Frauen und genderdiverse Acts stellen in fünf von sechs Städten rund 30 Prozent der Buchungen, in Lagos 21. Und die Indikatoren für Schutz und Erhalt der Nachtkultur schneiden im gesamten Index am schlechtesten ab. Vorgestellt wurde der Index in der ADE-Woche von Lutz Leichsenring, VibeLab-Mitgründer und früher Sprecher der Berliner Clubcommission.
Worum es geht
Nachtkultur taucht in Stadtverwaltungen meist als Problem auf: Lärm, Lizenzen, Polizei. Der Index will das umdrehen und die Nacht als Kultur vermessen – als das, was sie hervorbringt, nicht als das, was sie kostet. Dahinter stehen das Amsterdam Dance Event als Gründungspartner und Mitherausgeber und VibeLab, die Forschungs- und Beratungsagentur von Mirik Milan, dem früheren Nachtbürgermeister Amsterdams, und Lutz Leichsenring. Angekündigt wurde das Projekt im August, die Premiere fiel in die Jubiläumswoche des ADE, über die wir berichtet haben.
Gemessen wird in sechs Dimensionen: kreatives Ökosystem, Raum und Infrastruktur, Vielfalt und Repräsentation, Gemeinschaft und Zugehörigkeit, Politik und Zivilgesellschaft, Nachhaltigkeit und Umwelt. Dahinter liegen 30 Indikatoren, von denen 24 auf einer Skala von 0 bis 100 gegen feste Zielwerte bewertet werden – etwa Musikspielstätten pro Million Einwohner oder der Ticketpreis in Stunden Mindestlohn. Die Datenbasis laut Methodik: 12.664 Line-ups, 3.073 bewertete Venues, 29.727 nächtliche Kulturveranstaltungen jenseits der Musik, eine Online-Umfrage mit 767 Teilnehmenden, 14 Experteninterviews und sechs Fokusgruppen mit 67 Beteiligten. Die Macher schreiben selbst dazu, dass Umfrage und Fokusgruppen nicht repräsentativ sind und die Datenlage je nach Stadt ungleich ist, besonders in Lagos. 2026 ist der Ausgangspunkt; 2027 sollen weitere Städte dazukommen, 2028 erste Vergleiche über die Zeit. Städte können sich bewerben.
Sechs Städte in Zahlen
Amsterdam · 63,0
Stärkste Dimension: Raum und Infrastruktur (70,5)
Schwächste: Gemeinschaft und Zugehörigkeit (59,3)
Musikspielstätten: 131
Clubticket: 1,33 Stunden Mindestlohn
Frauen und genderdiverse Acts: 31,2 %
Seit 2003 fördert die Stadt Nachtkultur; neue Formate wie Listening Sessions und nüchternes Clubbing entstehen, kleine Venues schließen.
Sydney · 62,9
Stärkste Dimension: kreatives Ökosystem (68,2)
Schwächste: Raum und Infrastruktur (58,8)
Musikspielstätten: 167
Clubticket: 1,13 Stunden Mindestlohn
Frauen und genderdiverse Acts: 29,8 %
Nach den Lockout-Gesetzen wächst eine DIY-Szene in ungewöhnlichen Räumen; ein Großteil des Geldes landet bei Vermietern, nicht bei Veranstaltern.
New York · 61,2
Stärkste Dimension: kreatives Ökosystem (71,2)
Schwächste: Nachhaltigkeit und Umwelt (42,5)
Musikspielstätten: 457
Clubticket: 1,76 Stunden Mindestlohn
Frauen und genderdiverse Acts: 30,6 %
Die Stadt, die niemals schläft, hat viel zu bieten – aber die Lebenshaltungskosten machen es schwer, von der Nacht zu leben.
Seoul · 50,0
Stärkste Dimension: kreatives Ökosystem (60,0)
Schwächste: Nachhaltigkeit und Umwelt (32,5)
Musikspielstätten: 181
Clubticket: 1,70 Stunden Mindestlohn
Frauen und genderdiverse Acts: 30,0 %
Viele Clubs sind offiziell als Restaurants registriert – Tanzen ist dort rechtlich nicht erlaubt. Die Szene wächst in Plattenläden und Community-Radios.
São Paulo · 47,7
Stärkste Dimension: kreatives Ökosystem (62,8)
Schwächste: Nachhaltigkeit und Umwelt (35,0)
Musikspielstätten: 147
Clubticket: 9,16 Stunden Mindestlohn
Frauen und genderdiverse Acts: 30,6 %
Informelle Räume werden hoch geschätzt, Straßenpartys sind auf Dächer gezogen, und Veranstalter haben im Rathaus keinen festen Ansprechpartner.
Lagos · 36,9
Stärkste Dimension: kreatives Ökosystem (47,3)
Schwächste: Nachhaltigkeit und Umwelt (15,5)
Musikspielstätten: 15
Clubticket: 24,76 Stunden Mindestlohn
Frauen und genderdiverse Acts: 20,8 %
Neben Afrobeats entsteht eine elektronische Szene, die über Events statt feste Orte läuft; Nachtverkehr und Ticketpreise liegen bei 10 von 100 Punkten.
Was die Zahlen erzählen
Der eindrücklichste Wert ist der Ticketpreis in Arbeitszeit. Eine Clubnacht kostet in Sydney gut eine Stunde Mindestlohn, in Amsterdam, Seoul und New York zwischen 1,3 und 1,8 Stunden, in São Paulo gut neun – und in Lagos mehr als drei volle Arbeitstage. Eine Teilnehmerin der Lagos-Fokusgruppe sagt es im Report so: „A majority of Lagos nightlife is for people who have money to spend.“ In Sydney formuliert es ein Teilnehmer fast gleich: „The disposable-income question is dominating everything.“ Nachtleben verlagert sich dort zunehmend in private Räume.
Beim Sicherheitsgefühl liegen die Städte näher beieinander, als die Gesamtwerte vermuten lassen: In Amsterdam, New York und Sydney fühlen sich 86 bis 88 Prozent der Befragten im Club sicher, in Lagos, São Paulo und Seoul rund 75 Prozent. Der Unterschied beginnt vor der Tür – auf der Straße und auf dem Heimweg fallen die Werte deutlich, am stärksten in São Paulo und Lagos. Bei der Repräsentation ist das Bild fast überall gleich: Frauen und genderdiverse Künstlerinnen und Künstler machen rund 30 Prozent der Buchungen aus, Venues werden überwiegend von Männern geführt. Und die Indikatoren für den Schutz und Erhalt der Nachtkultur – rechtlicher Status von Spielstätten, nachtspezifische Verwaltung, öffentliche Förderung – gehören im gesamten Index zu den schwächsten Werten; selbst Sydney kommt beim rechtlichen Schutz nur auf 51 von 100 Punkten, São Paulo bei der Nacht-Governance auf 15.
Ein Befund zieht sich durch alle Städte: Es sind die Graswurzel-, Alternativ- und queeren Szenen, die bei Vielfalt und Awareness vorangehen – und genau diese Räume sind am anfälligsten für steigende Kosten. Immer mehr Städte richten zwar Nachtbeauftragte und Strategien ein, doch die sind laut Report meist wirtschaftlich motiviert, nicht kulturell.
Was das bedeutet
Man muss den Index nicht für das letzte Wort halten – die Macher tun es selbst nicht, 767 Befragte für sechs Metropolen sind eine Stichprobe, kein Zensus. Aber er misst zum ersten Mal, was wir seit dem ersten Tag behaupten: Eine Tanzfläche ist Zugehörigkeit, und Zugehörigkeit hat einen Preis, den sich nicht jeder leisten kann. Wenn eine Nacht drei Arbeitstage kostet, ist sie kein Kulturangebot mehr, sondern ein Privileg. Dass die Szenen mit der größten Vielfalt zugleich die verletzlichsten sind, kennen wir auch ohne Dashboard – jetzt steht es in Zahlen.
Berlin ist nicht dabei, noch nicht. Städte können sich für die nächste Runde bewerben, und wir würden die Zahlen gern sehen – nicht um zu gewinnen, sondern weil ein Wert für den rechtlichen Schutz von Spielstätten in der Debatte um Clubs als Kulturstätten mehr hilft als jede Absichtserklärung. Bis dahin gilt, was ADE-Geschäftsführer Jan-Willem van de Ven zum Start gesagt hat: „There is no business without culture.“ Wir würden ergänzen: und keine Kultur ohne Leute, die sich den Eintritt leisten können.
Die Eckdaten
Was: Nighttime Culture Index 2026, erste Ausgabe (Baseline)
Herausgeber: VibeLab (Forschung) und Amsterdam Dance Event (Gründungspartner, Mitherausgeber)
Städte: Amsterdam 63,0 · Sydney 62,9 · New York 61,2 · Seoul 50,0 · São Paulo 47,7 · Lagos 36,9
Methode: 6 Dimensionen, 30 Indikatoren, Bewertung 0–100 gegen feste Zielwerte
Datenbasis: 12.664 Line-ups · 3.073 Venues · 29.727 Kulturveranstaltungen · 767 Befragte · 14 Interviews · 67 Fokusgruppen-Teilnehmende
Einschränkung: Umfrage und Fokusgruppen laut Herausgebern nicht repräsentativ
Ausblick: 2027 mehr Städte, 2028 Zeitvergleich – Bewerbung für Städte möglich
Dashboard: nighttimecultureindex.org
Quellen: Nighttime Culture Index – Städteübersicht, Stadtseiten und Methodik (alle Scores, Kennzahlen und Zitate aus den Fokusgruppen); Groove (29. Oktober 2026, Vorstellung beim ADE, Werte zum rechtlichen Schutz); ADE-Ankündigung (13. August 2026, mit Zitat van de Ven). Alle Zahlen sind Angaben der Herausgeber – Stand des Beitrags: 31. Oktober 2026.