Von drei Clubs zu 300 Venues: Das Amsterdam Dance Event wird 30 – und fragt, warum Menschen Tanzflächen brauchen
Von drei Clubs zu 300 Venues: Das Amsterdam Dance Event wird 30 – und fragt, warum Menschen Tanzflächen brauchen
Ab Mittwoch gehört Amsterdam fünf Tage lang der elektronischen Musik: über 3.600 Artists, mehr als 1.300 Events, über 300 Orte. Zum 30. Geburtstag eröffnet Jean-Michel Jarre mit 50 Jahren „Oxygène“ – und auf der Konferenz steht eine Frage auf dem Programm, die auch unsere ist.
Das Wichtigste vorweg
Das Amsterdam Dance Event läuft vom 21. bis 25. Oktober 2026 – zum 30. Mal. Laut Veranstalter stehen über 3.600 Artists bei mehr als 1.300 Events in über 300 Venues im Programm. Ehrengast ist Jean-Michel Jarre, der am Mittwoch im AFAS Live mit „Oxygène & Beyond“ eröffnet und bei der Konferenz ADE Pro eine Keynote gibt. Am Freitagmittag diskutieren dort Eris Drew, die Forscherin Alice O’Grady und Sven Bijma vom Club RAUM unter dem Titel „Why Humans Still Need Dancefloors?“. Angefangen hat alles 1996 mit rund 300 Fachbesuchern und drei Clubs.
Wie alles anfing
1996 trafen sich rund 300 Fachbesucher im Felix Meritis an der Keizersgracht, von Mittwoch bis Freitag, dazu drei Clubs in der Nacht. So beschreibt das ADE in seiner Jubiläumsserie die erste Ausgabe. Heute sind es nach eigenen Angaben 10.000 Konferenzteilnehmer und 300 Venues – und ein Festival, das 2025 laut Veranstalter 600.000 Besucher in die Stadt zog, mit knapp 3.500 Artists und über 1.200 Events. Für 2026 meldete das ADE am 6. Oktober das komplette Programm: über 3.600 Artists, mehr als 1.300 Events, über 300 Orte.
Zwei Wegmarken aus 30 Jahren: Zum zehnten Geburtstag 2006 kamen die Live Dance Music Conference für Promoter, Agenturen und Manager sowie „ADE Next“ für den Nachwuchs dazu – der Samstag, bis dahin ungenutzt, wurde bespielt. 2008 tauchte zum ersten Mal der gelb-schwarze Plexiglaswürfel auf, heute das Markenzeichen des Festivals, damals umstritten: „Some promoters and team members did not like it at all!“, erinnert sich der langjährige ADE-Direktor Richard Zijlma. Veranstalter ist die Amsterdam Dance Event Foundation, Gründungspartner die niederländische Verwertungsgesellschaft BumaStemra.
Der Ehrengast
Jean-Michel Jarre ist der Guest of Honour dieser Ausgabe. Am Mittwoch, 21. Oktober, eröffnet er im AFAS Live mit „Oxygène & Beyond: A Sonic Journey Celebrating 30 Years of ADE“ – eine Show, die zugleich den 50. Geburtstag seines Albums „Oxygène“ von 1976 feiert, laut Ankündigung mit wechselnden Bühnenbildern, Mapping und großflächigen Projektionen. Dazu kommt eine Keynote bei ADE Pro und das Gespräch „Music & Machines“, in dem Jarre mit Armin van Buuren, Lady Starlight und der Berliner Modular-Künstlerin JakoJako über das Verhältnis von Künstlern verschiedener Generationen zu ihrer Technik spricht. Jarre selbst bringt es in der ADE-Meldung auf einen Satz: „Electronic music, as well as ADE, has a history, a legacy and a future.“
Die Frage, die auch unsere ist
Zwischen Showcases von Streaming-Diensten und Label-Panels steht am Freitag, 23. Oktober, von 12:30 bis 13:15 Uhr im Felix Meritis ein Programmpunkt, der aus unserem Manifest stammen könnte: „Why Humans Still Need Dancefloors?“. Auf dem Podium sitzen die US-Künstlerin Eris Drew, Alice O’Grady, Professorin für Applied Performance an der University of Leeds, und Sven Bijma vom Amsterdamer Club RAUM; es moderiert Mark van Bergen von der Hochschule Fontys. Die Ankündigung fragt nach der Rolle der Tanzfläche in Zeiten von Einsamkeit, Polarisierung und digitaler Dauervernetzung – nach Orten, die Zugehörigkeit, Freiheit, Ausdruck und Verbindung schaffen, und danach, was Tanzflächen zu Wohlbefinden, Gemeinschaft und sozialem Zusammenhalt beitragen. Die Session gehört zum Konferenzprogramm, für das es den ADE Pro Pass braucht; der ist laut ADE fast ausverkauft. Dazu passt, was in derselben Woche Premiere hat: der Nighttime Culture Index, den das ADE mit der Beratungsagentur VibeLab aufgelegt hat – ein öffentliches Dashboard, das den kulturellen Wert des Nachtlebens messen soll, ausdrücklich nicht den wirtschaftlichen, zunächst in Amsterdam, Lagos, New York, São Paulo, Seoul und Sydney, mit „Gemeinschaft und Zugehörigkeit“ als einer von sechs Dimensionen. ADE-Geschäftsführer Jan-Willem van de Ven begründet das Projekt mit einem Satz, den wir unterschreiben: „There is no business without culture.“
30 Events, die das ADE selbst ausgewählt hat
Zum Jubiläum hat das Team aus dem gesamten Programm 30 Veranstaltungen zur „30 YEARS ADE Icon Series“ erklärt, sortiert in neun Kategorien von „Connecting Generations“ bis „Iconic Venues“. Darunter: „Dave Clarke Presents: 30 Years of ADE“ mit Daniel Avery b2b Richard Fearless, Dasha Rush, DJ Hell, Egyptian Lover und Luke Slater b2b Rene Wise, ein fünfstündiges Set von KI/KI im Ziggo Dome, Paul van Dyk Open to Close, Speedy J mit seinem Live-Format STOOR – mit Rødhåd, JakoJako, Lady Starlight und UFO95 –, dazu die Staples Awakenings, DGTL, Loveland, Audio Obscura und Intercell. Und es geht weit über den Club hinaus: Das Dutch National Ballet und das ISH Dance Collective zeigen „Swan Lake Remixed“ im Gashouder, der Künstler Boris Acket bringt mit „EINDER“ das Royal Concertgebouw Orchestra und Elias Mazian zusammen, im Wereldmuseum läuft die Ausstellung „DISCO I’m coming out“.
Aus Deutschland im Programm
Boys Noize · Len Faki · Ben Klock · Marlon Hoffstadt · Chris Liebing · Cinthie · Marie Montexier · Paul Kalkbrenner · Âme · Rødhåd · DJ Hell · Paul van Dyk (Open to Close) · JakoJako (Talk mit Jarre) · Sven Marquardt (Fotografie-Talk bei ADE Pro) · Scooter (Ziggo Dome)
Jenseits des Dancefloors
„Swan Lake Remixed“ – Dutch National Ballet × ISH Dance Collective, Gashouder · „EINDER“ von Boris Acket mit dem Royal Concertgebouw Orchestra · Dome Concerts mit Colin Benders und Othernode · „DISCO I’m coming out“ im Wereldmuseum · Premiere des Nighttime Culture Index (ADE × VibeLab) bei ADE Pro
Was das bedeutet
Das ADE ist zur Hälfte Branchentreffen: Labels, Streaming-Dienste, Agenturen, Tech-Firmen, und der Pro Pass kostet entsprechend. Das muss man wissen, wenn man hinfährt. Die andere Hälfte sind 1.300 Nächte in 300 Räumen – und die gibt es nur, weil Menschen immer noch für Musik in eine Stadt reisen, nicht weil ein Algorithmus sie ihnen vorschlägt. Von 300 Fachbesuchern und drei Clubs zu 600.000 Gästen: Dieses Wachstum hat kein Empfehlungssystem erzeugt, sondern Leute, die hingegangen sind.
Dass ausgerechnet dieses Festival zum 30. Geburtstag öffentlich fragt, warum Menschen Tanzflächen brauchen, finden wir bemerkenswert. Unsere Antwort steht seit dem ersten Tag im Manifest: weil Musik Menschen verbindet, Erinnerungen schafft und Geschichten erzählt. Eine Tanzfläche ist der Ort, an dem das gleichzeitig passiert. Dafür braucht es keine Konferenz – aber es ist schön, wenn eine es ausspricht.
Die Eckdaten
Termin: Mittwoch, 21., bis Sonntag, 25. Oktober 2026, Amsterdam
Umfang: über 3.600 Artists · mehr als 1.300 Events · über 300 Venues (laut ADE, Stand 6. Oktober)
Eröffnung: Jean-Michel Jarre, „Oxygène & Beyond“, AFAS Live, 21. Oktober
Konferenz: ADE Pro, nur mit Pro Pass – u. a. „Why Humans Still Need Dancefloors?“, Freitag, 23. Oktober, 12:30 Uhr, Felix Meritis
Jubiläum: „30 YEARS ADE Icon Series“ – 30 ausgewählte Events in neun Kategorien
Vorjahr: 600.000 Besucher, knapp 3.500 Artists, über 1.200 Events (laut Veranstalter)
Geschichte: seit 1996, erste Ausgabe mit rund 300 Fachbesuchern und drei Clubs
Veranstalter: Amsterdam Dance Event Foundation · Gründungspartner BumaStemra
Programm: ade.nl
Quellen: ADE-Pressemitteilung zum kompletten Programm (6. Oktober 2026); ADE zu Jean-Michel Jarre (9. März 2026, mit Zitat); ADE-Programmseite zum Panel; ADE zur Icon Series (16. September 2026); ADE-Jubiläumsserie, Teil 4 (18. Oktober 2026, mit Zitat Zijlma); ADE-Bilanz 2025 (2. Oktober 2025); ADE Pro Programm (1. Oktober 2026); ADE und VibeLab zum Nighttime Culture Index (13. August 2026, mit Zitat van de Ven); Mixmag Germany (7. Oktober 2026); Magnetic Magazine (6. Oktober 2026); Electronic Groove (2. September 2026). Zahlen sind Angaben des Veranstalters. Programm, Zeiten und Verfügbarkeiten ohne Gewähr – Stand des Beitrags: 20. Oktober 2026.