Tanzflächen der Wiedervereinigung“: Fünf Wochen Clubgeschichte in den Katakomben unter dem Kraftwerk
„Tanzflächen der Wiedervereinigung“: Fünf Wochen Clubgeschichte in den Katakomben unter dem Kraftwerk
Die Gewölbekeller unter dem Berliner Kraftwerk sind zum ersten Mal öffentlich zugänglich – und zeigen, was auf den Tanzflächen passierte, während sich das Land neu sortierte. Mehr als 30 Beiträge aus Berlin und Ostdeutschland, von Tresor und E-Werk bis Chemnitz, Dresden und Wismar. Bis 9. November, Eintritt frei.
Das Wichtigste vorweg
Die Berliner Clubcommission hat zu ihrem 25-jährigen Bestehen eine Ausstellung in die bislang verschlossenen Kellergewölbe unter dem Kraftwerk an der Köpenicker Straße gebaut – dorthin, wo seit 2007 der Tresor zu Hause ist. Unter dem Projektnamen SOURCE sind die Räume fünf Wochen lang offen, danach werden sie wieder geschlossen. Gezeigt werden Fotos, Filme, Tonaufnahmen, Zeitzeugenstimmen und Kunstwerke über Club-, Sub- und Jugendkultur rund um 1989 – mit Absicht nicht nur aus Berlin, sondern auch aus Chemnitz, Dresden, Jena, Leipzig, der Brandenburger Provinz und von der Ostseeküste. Geöffnet ist Mittwoch bis Sonntag von 15 bis 21 Uhr, der Eintritt ist frei, ein Zeitfenster-Ticket muss vorher online gebucht werden.
Unter dem Kraftwerk
Wer die Ausstellung besucht, geht laut Tagesspiegel durch den Tresor hinunter in die Katakomben des ehemaligen Heizkraftwerks. Der Eingang ist selbst schon Teil der Inszenierung: Groove beschreibt Schutt, Rohre, Nebel, warmes Licht und verzerrte Klangflächen, dazu alte Röhrenmonitore auf Betonsockeln, auf denen Videos aus den Monaten nach dem Mauerfall laufen. Dahinter öffnet sich der eigentliche Ausstellungsraum – Metallgitter mit Fanzines, Fotos und Dokumenten, Tische mit Kassettenrekordern, vergilbten Flyern und handgeschriebenen Songtexten.
Der Zugang ist bewusst dosiert: Man bucht ein 30-Minuten-Fenster und geht in kleinen Gruppen hinein, am Eingang wird eine Haftungserklärung unterschrieben. Fotografieren und Filmen sind laut Tagesspiegel strikt untersagt. Und wer es eng und dunkel nicht mag, sollte wissen: Der Einstieg ist als Licht- und Klanginstallation angelegt, die der Tagesspiegel für klaustrophobische Menschen als wenig geeignet beschreibt.
Mehr als die wilden Neunziger
Die Erzählung vom Berlin nach dem Mauerfall kennt jeder: leere Häuser, Ruinen, Brachen, Partys an Orten, die man erst suchen musste, Ost und West auf einer Tanzfläche. Die Kuratorinnen Katharin Ahrend und Lisa Weinhold stellen das nicht in Frage – sie finden es nur unvollständig. „Die sich immer wieder wiederholenden Narrative der wilden 90er, der Technokultur, haben alle ihre Berechtigung“, sagte Ahrend dem Tagesspiegel. Es fehlten aber viele Subkulturen und Orte, die genauso relevant gewesen seien. Weinhold ergänzt: „Wir wollen keine Kritik leisten, sondern wir wollen einfach nur die Erzählung erweitern.“
Erweitern heißt hier vor allem: den Osten dazunehmen, und zwar nicht nur Berlin-Mitte. Und es heißt, die andere Seite des Umbruchs mitzuerzählen – Strukturen, die wegbrachen, Betriebe, die schlossen, Existenzängste, die neben dem Rausch herliefen. Die These der Ausstellung, so formuliert es die mitfördernde Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte, lautet: Clubkultur war nach 1989 ein sozialer Treffpunkt und ein kulturelles Labor der Wiedervereinigung, in dem demokratische Praxis und Vielfalt oft gelebt wurden, bevor sie politisch anerkannt waren. Groove bringt die Wirkung auf den Punkt: „Kein stummes Museum, sondern Katakomben, die die Phantasie befeuern.“
Was zu sehen ist
Die Beitragsliste der Ausstellung umfasst 33 Perspektiven. Ein Auszug, sortiert nach dem, was uns besonders interessiert hat:
Berlin
Der Tresor erzählt seine eigene Geschichte von 1989 bis heute – vom UFO über das Fischlabor und das Wertheim-Gebäude bis zur Köpenicker Straße. Dazu ein interaktives Archiv des E-Werk (1993–1997), das WMF der frühen Neunziger, Delicious Doughnuts, Tacheles und Eimer, „Lost Places“ der Mutoid Waste Company und „Klub 2000″ aus Marzahn.
Der Osten jenseits von Berlin
Ein „Nachtarchiv“ zur Chemnitzer Clubkultur zwischen DDR und Y2K, die scheune und das Hecht-Viertel in Dresden, das Kassablanca in Jena, Punk in Leipzig, ein Jugendclub in Haldensleben, der sich mit Hardcore und Pogo gegen Neonazis behauptete, der „Jugendclub Extrem“ in der Brandenburger Provinz – und aus Wismar „Der Beat kam über See“ über das MTW-Klubhaus und den Interclub (1985–1989).
Die anderen Geschichten
„Wir waren schon da“ über GI-Clubs, Dschungel und YAAM aus Schwarzer Perspektive, DJ Ipeks Gayhane im SO36, „Breaking, Beats and Battles“ über die Berliner Hip-Hop-Szene von Bunker bis Tresor, ein Blick auf die deutsche VJ-Kultur, Mark Reeders „Berlin Special“ für die britische Sendung „The Tube“ von 1984 – und „TreuhandTechno“ vom Theaterkollektiv Panzerkreuzer Rotkäppchen.
Dazu kommen drei neue Arbeiten, die eigens für den Ort entstanden sind: eine Lichtarbeit von Lars Murasch, die Klanginstallation „Sediment“ von Cecilia Tosh und eine Videoarbeit von Jascha Müller-Guthof. Für die Ausstellung hatte die Clubcommission im Frühjahr einen offenen Aufruf gestartet, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen konnten Archivmaterial und Erinnerungen einreichen. Tagesspiegel und Groove sind sich in einem Punkt einig: Es ist viel. Wer hingeht, sollte sich Zeit nehmen.
Was das bedeutet
Die Nachwendezeit ist in der Clubkultur längst zum Gründungsmythos geworden – und Mythen haben die Eigenschaft, immer gleich erzählt zu werden. Diese Ausstellung macht etwas anderes: Sie legt 33 Versionen nebeneinander, aus Berlin-Mitte und aus Haldensleben, aus dem Tresor und aus einem Klubhaus an der Ostsee, aus der Sicht von Technoheads, Punks, B-Boys, queeren und Schwarzen Szenen. Dass dabei auch Abwicklung, Angst und Gewalt vorkommen, nimmt den Partys nichts weg. Es macht sie verständlicher.
Für uns ist das genau die Art von Erinnerung, die wir uns wünschen: kuratiert, vielstimmig, mit Haltung. Und sie ist nur fünf Wochen lang zu sehen – danach gehen die Keller wieder zu.
Persönliche Anmerkung
Ich war Anfang der Neunziger dabei, als in den Leerständen abgewickelter Betriebe im Osten plötzlich eine Musik lief, die es vorher so nicht gab. Wer das erlebt hat, erzählt gern die Version mit dem Rausch – und die stimmt ja auch. Aber die andere Hälfte gehört dazu: Betriebe, die zumachten, Leute, die nicht wussten, wie es weitergeht, Jugendclubs, die sich gegen Nazis behaupten mussten. Dass eine Ausstellung beides nebeneinanderstellt, ohne die Partys kleinzureden, finde ich richtig. Geht hin, nehmt euch Zeit. Und erzählt hinterher eure eigene Version.
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Die Eckdaten
Was: „Tanzflächen der Wiedervereinigung“ – Multimedia-Ausstellung zur Club-, Sub- und Jugendkultur in Berlin und Ostdeutschland rund um 1989
Wo: SOURCE im Kraftwerk Berlin, Köpenicker Straße 70, 10179 Berlin-Mitte (Kellergewölbe, Zugang über den Tresor)
Wann: 3. Oktober bis 9. November 2026 · Mittwoch bis Sonntag, 15 bis 21 Uhr · Abschlussveranstaltung am 9. November ab 17 Uhr
Eintritt: frei – Zeitfenster-Ticket (30 Minuten) vorab online buchen, Einlass in kleinen Gruppen
Regeln: Foto- und Filmverbot, keine großen Taschen (keine Aufbewahrung vor Ort), keine Tiere, laut Veranstalter ohne Altersbeschränkung und barrierefrei
Kuratorinnen: Katharin Ahrend und Lisa Weinhold
Veranstalter: Clubcommission Berlin e.V. in Kooperation mit diskoBabel e.V.; Partner u. a. Archiv der Jugendkulturen
Gefördert von: Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte, Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, Musicboard Berlin
Tickets und Infos: tanzflaechen-der-wiedervereinigung.de
Quellen: Besuchsinformationen und Beitragsliste der Ausstellung; Tagesspiegel (4. Oktober 2026); Groove (7. Oktober 2026); Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte (19. September 2026); visitBerlin; FAZEmag (31. Januar 2026); radio3 (rbb), Gespräch mit Katharin Ahrend vom 29. September 2026. Öffnungszeiten und Ticketregeln können sich ändern – bitte vor dem Besuch auf der Seite der Ausstellung prüfen. Stand des Beitrags: 12. Oktober 2026.