Juan Atkins (1962–2026): Der Mann, der Techno seinen Namen gab
Juan Atkins (1962–2026): Der Mann, der Techno seinen Namen gab
Er war der Älteste der Belleville Three, einer der Ersten, die in Detroit mit Maschinen Musik machten, und der, von dem das Wort kommt, mit dem wir unsere Musik bis heute bezeichnen. Juan Atkins ist am 31. Oktober in Mexiko-Stadt gestorben, kurz vor einem Auftritt. Er wurde 64 Jahre alt.
Was bekannt ist
Am Abend des 31. Oktober wurde Juan Atkins bewusstlos in seinem Hotelzimmer in Mexiko-Stadt gefunden, wo er im YuYu Cine Club auflegen sollte. Im Krankenhaus konnte nur noch sein Tod festgestellt werden. Sein Management Greensmith Artists bestätigte die Nachricht am 1. November; eine Todesursache wurde nicht genannt, und wir spekulieren nicht darüber. Atkins, geboren am 12. September 1962 in Detroit, gründete Cybotron, Model 500 und das Label Metroplex. Sein Stück „Techno Music“ gab 1988 einem Genre seinen Namen. Mit Moritz von Oswald verband ihn eine jahrzehntelange Zusammenarbeit, die bis zuletzt nach Berlin führte.
Detroit, Belleville, Cybotron
Juan Atkins wuchs in Detroit auf, sein Vater war Konzertveranstalter. Nach der Trennung der Eltern zog er nach Belleville, eine Kleinstadt westlich der Stadt, und dort begann alles: Auf der Junior High lernte er Derrick May und Kevin Saunderson kennen, die beiden, mit denen er später als Belleville Three in jede Geschichte des Techno eingehen sollte. Mit 15 kaufte er seinen ersten Synthesizer, einen Korg MS-10. Die Einflüsse: George Clinton, Parliament und Funkadelic, Kraftwerk, Science-Fiction. 1980 gründete er mit Richard „3070″ Davis das Duo Cybotron. „Alleys of Your Mind“ erschien 1981 auf seinem eigenen Label Deep Space Records, 1983 folgte das Album „Enter“ – und mit ihm „Clear“, ein Stück, das die Brücke von Electro-Funk zu dem schlug, was noch keinen Namen hatte. „Clear“ verkaufte sich laut Complex rund 50.000 Mal und lebt bis heute in Samples weiter, am bekanntesten in Missy Elliotts „Lose Control“.
Model 500, Metroplex und ein Wort
1985 trennten sich Atkins und Davis, und Atkins machte das, was ihn von allen anderen unterschied: Er ging allein weiter und erfand sich dafür einen Namen, der klang wie eine Maschine. Als Model 500 veröffentlichte er im April 1985 „No UFO’s“ – auf Metroplex, dem Label, das er im selben Jahr gründete und das zur ersten Adresse des Detroit-Techno wurde. „Night Drive (Thru-Babylon)“ und „The Chase“ folgten; Platten, die klangen, als käme die Zukunft aus einem Autoradio. In der Szene nannten sie ihn „The Originator“.
Den Begriff, unter dem diese Musik um die Welt ging, hat er nicht erfunden, aber er hat ihn gefunden. „Techno Music“ hieß sein Stück, der Titel geht auf Alvin Tofflers Buch „The Third Wave“ von 1980 zurück. Als der britische DJ Neil Rushton 1988 die Detroiter Szene für eine Compilation zusammenstellte, stand die Frage im Raum, wie man das nennen soll – und die Antwort kam von Atkins‘ Track. „Techno! The New Dance Sound of Detroit“ hieß die Platte, und seitdem heißt das Genre so. Dass der „Godfather of Techno“, wie ihn AllMusic nannte, nie der Lauteste der drei war, gehört zu seiner Geschichte dazu: Derrick May wurde das Gesicht, Kevin Saunderson der Hitlieferant, Juan Atkins blieb der, auf den sich beide beriefen.
Die Achse Detroit–Berlin
Für uns ist ein Kapitel besonders: das deutsche. Schon 1992, ein Jahr nach der Eröffnung des Tresor, entstand mit Moritz von Oswald und Thomas Fehlmann das Projekt 3MB – „3MB featuring Magic Juan Atkins“ ist eines der frühesten Dokumente der Verbindung zwischen Detroit und der wiedervereinigten Stadt, die seine Musik als Soundtrack adoptiert hatte. Mit von Oswald blieb es dabei: Als Borderland veröffentlichten die beiden 2013 ein erstes Album und 2016 „Transport“, erschienen auf Tresor. 2023 brachte das Berliner Label auch das Cybotron-Album „Maintain the Golden Ratio“ heraus. Und laut Groove stand Atkins in seinen letzten beiden Jahren noch in Berliner Clubs hinter den Decks. Unter dem Alias Infiniti und als Model 500 – etwa mit „Deep Space“ von 1995 – zog sich sein Werk durch vier Jahrzehnte, ohne dass er je einen Trend hätte hinterherlaufen müssen. Die Trends liefen ihm hinterher.
Zum Nachhören
Cybotron – Alleys of Your Mind (1981)
Cybotron – Clear (1983)
Model 500 – No UFO’s (1985)
Model 500 – Night Drive (Thru-Babylon) (1985)
3MB featuring Magic Juan Atkins (1992)
Model 500 – Deep Space (1995)
Borderland – Transport (2016)
Cybotron – Maintain the Golden Ratio (2023)
Stimmen
Kevin Saunderson verabschiedet sich von seinem „brother“ und nennt ihn „the originator of Techno, a true visionary who opened the door for so many of us, myself included“ – Atkins habe ihm geholfen, seine erste Platte „Triangle of Love“ fertigzustellen: „That meant a lot to me then, and it still does today.“ Derrick May bat in einer Videobotschaft darum, das Erbe seines Freundes zu würdigen. Der Tresor beschrieb die Verbindung der beiden Städte als Achse zwischen Metroplex und Tresor.
Was bleibt
Viele von uns haben Juan Atkins nie getroffen. Wir kannten seinen Namen vom Label-Aufdruck und seine Musik von Tanzflächen, auf denen Detroit so weit weg war wie der Mond – und trotzdem war seine Musik da, in den frühen Neunzigern, in Kellern und Hallen, in denen gerade ein ganzes Land neu anfing. „No UFO’s“ klang damals wie die Zukunft. Heute klingt es wie der Anfang von allem, was wir hier tun.
Mit jedem, der geht, wird deutlicher, wie viel Zeit vergangen ist, seit diese Musik uns gefunden hat. Das ist traurig, und es ist zugleich eine Erinnerung daran, dass diese Zeit kostbar ist – die vergangene wie die, die bleibt. Was Juan Atkins hinterlässt, sind keine Erinnerungen an Festivals oder Rekorde, sondern Platten, die man heute Abend auflegen kann. Genau das werden wir tun.
Die Eckdaten
Juan Atkins: geboren am 12. September 1962 in Detroit, gestorben am 31. Oktober 2026 in Mexiko-Stadt
Projekte: Cybotron (mit Richard Davis, 1980–1985) · Model 500 · Infiniti · 3MB (mit Moritz von Oswald und Thomas Fehlmann) · Borderland (mit Moritz von Oswald)
Label: Metroplex, gegründet 1985 in Detroit
Belleville Three: Juan Atkins, Derrick May, Kevin Saunderson
Der Name: „Techno Music“ (1988) auf „Techno! The New Dance Sound of Detroit“, zusammengestellt von Neil Rushton
Bestätigung: Management Greensmith Artists, 1. November 2026 · Todesursache nicht genannt
Quellen: Groove (2. November 2026, Umstände, Berlin-Bezug, Reaktionen); Complex (1. November 2026, Bestätigung, Biografie, Zitat Saunderson); Loop Rituals (1. November 2026); DJ Mag; Rolling Stone; Billboard; Diskografische Angaben nach den Veröffentlichungen selbst. Stand des Beitrags: 3. November 2026.