Kulturpolitik unter Druck: Finanzsenator übernimmt Berlins Kultursenat
Kulturpolitik unter Druck: Finanzsenator übernimmt das Ruder
Sparzwang statt Subkultur?
Die Berliner Clubszene blickt besorgt auf die Neubesetzung des Kulturressorts. Nach dem Rücktritt von Sarah Wedl-Wilson übernimmt Finanzsenator Stefan Evers die Leitung – und mit ihm wächst die Sorge vor einer harten Sparlogik.
💼 Der Wechsel an der Spitze
Ende April 2026 bebte auf der landespolitischen Bühne in Berlin der Boden. Die parteilose Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson – erst im Mai 2025 als Nachfolgerin von Joe Chialo angetreten – bat am 24. April um ihre Entlassung. Auslöser war ein Bericht des Landesrechnungshofs, der die Förderung von 13 Projekten zur Antisemitismusprävention im Umfang von 2,6 Millionen Euro als rechtswidrig bewertete. Die entsprechenden Förderbescheide hatte Wedl-Wilson unter erheblichem politischem Druck unterzeichnet – mit ihrem Rücktritt übernahm sie die politische Verantwortung.
Bereits am 29. April stand die Nachfolge fest: Finanzsenator und Wegner-Vize Stefan Evers (CDU) übernimmt zusätzlich das Ressort für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Begründung: Evers verhandelt ohnehin den Hauptstadtfinanzierungsvertrag, der auch die Kulturfinanzierung regelt – wer beides verantworte, könne beides besser koordinieren. Gedacht ist die Doppelrolle als Übergang für die kommenden Monate, nur rund fünf Monate vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus.
🏚️ Die Clubkultur im Würgegriff
Dass nun ausgerechnet der oberste Kassenwart der Stadt auch die Kulturpolitik lenkt, sorgt branchenübergreifend für Unruhe. Die elektronische Musikszene kämpft ohnehin an mehreren Fronten. Der anhaltende Immobilien- und Bebauungsdruck zwingt immer wieder Freiräume in die Knie: So muss der gemeinnützige Kulturverein diskoBabel in Prenzlauer Berg – Heimat des Clubs Jonny Knüppel – seinen Standort aufgrund von Bebauungsplänen voraussichtlich im Oktober 2026 räumen.
Die Kritik aus den Kulturverbänden ist unüberhörbar: Es entsteht das Signal, dass Kulturpolitik keine spezifische Fach-Expertise erfordere und im Zweifel dem Finanzressort untergeordnet werden könne. Bei den laufenden Budgetverhandlungen befürchten Kultur- und Clubszene massive Kürzungen – die Angst vor einer reinen „Sparlogik“, die Subkultur und Club-Förderung als verzichtbaren Posten ansieht, ist greifbar.
Was bedeutet das für die Szene?
Berlin rühmt sich weltweit für seine einzigartige elektronische Musikkultur, doch die politischen Weichenstellungen deuten zunehmend in eine andere Richtung. Ob der Kultursenat in Zukunft die nötige Sensibilität für den Schutz der Club-Landschaft aufbringt oder ob bei zukünftigen Projekten der Rotstift regiert, werden die nächsten Fördermittel-Entscheidungen zeigen. Wir behalten die Entwicklung für euch im Auge.