Volle Tanzflächen, rote Zahlen: Was die neue Clubstudie über Berlin verrät
Volle Tanzflächen, rote Zahlen: Was die neue Clubstudie über Berlin verrät
Erstmals seit 2019 gibt es wieder harte Zahlen zur Berliner Clubszene. Der Befund ist unbequem: Die Leute kommen weiter, aber der Tresen trägt den Laden nicht mehr. 39 Prozent der befragten Betriebe schließen das Jahr mit Verlust ab.
Das Wichtigste vorweg
Am 7. August haben die Clubcommission Berlin und die Senatsverwaltung für Wirtschaft die Studie „Clubkultur Berlin 2026″ vorgestellt. Kern des Befunds: Das Geschäftsmodell hat sich umgedreht. Früher kamen rund 60 Prozent der Einnahmen aus Getränken und 21 Prozent aus dem Eintritt – heute ist es fast genau andersherum. Gleichzeitig melden 83 Prozent der Befragten mindestens halb volle Räume. Die Nachfrage ist also da. Sie zahlt nur die Rechnung nicht mehr.
Die Zahlen
Die Studie ist die erste umfassende Erhebung seit sieben Jahren. Befragt wurden Clubs, Kollektive, Veranstaltende, Musikbars, Off-Spaces und soziokulturelle Zentren – reine Eventlocations und kommerzielle Diskotheken blieben außen vor.
Die Wirtschaft
39 Prozent schließen mit Verlust ab – 2017 waren es 21 Prozent. Nur noch 61 Prozent arbeiten mindestens kostendeckend, gegenüber 79 Prozent im Jahr 2017. 45 Prozent erzielen weniger als 100.000 Euro Jahresumsatz; 2017 traf das nur auf 16 Prozent zu. Über zwei Millionen kommen gerade einmal 7 Prozent.
Das Publikum
73 Prozent beobachten sinkenden Alkoholkonsum, 60 Prozent mehr alkoholfreie Getränke, 57 Prozent kürzere Aufenthalte. Der Abend wird bewusster geplant. Trotzdem melden 83 Prozent eine Auslastung von mindestens 50 Prozent, ein Drittel sogar über 75 Prozent.
Die Raumfrage bleibt der wunde Punkt
Nur 8 Prozent der Betriebe besitzen ihre eigene Spielstätte. 31 Prozent arbeiten mit Miet- oder Pachtverträgen unter fünf Jahren Laufzeit, 5 Prozent in Zwischennutzung. Und 71 Prozent der Orte liegen in Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte und Neukölln – also genau dort, wo der Druck auf Flächen am größten ist.
23 Prozent denken darüber nach, innerhalb der nächsten zwölf Monate aufzugeben. Kai Sachse, Geschäftsführer der Clubcommission und Projektleiter der Studie, bringt es auf den Punkt: Die Zukunft der Szene „entscheidet sich weniger auf dem Dancefloor“ als bei Raum, Finanzierung und Planungssicherheit.
Kein Clubsterben – aber Transformationsdruck
Hier räumt die Studie mit einer verbreiteten Erzählung auf. Seit 2020 haben nach Kenntnis der Clubcommission mindestens 24 Club- und Kulturstandorte geschlossen. Im selben Zeitraum sind rund 25 neue entstanden. Die Berliner Clubkultur stirbt also nicht. Sie steht unter Druck, sich zu verändern – und 95 Prozent der Befragten sehen ohne strukturelle Verbesserungen die langfristige Existenz vieler Häuser gefährdet.
Was die Szene selbst schon tut
Die Betriebe sitzen das nicht aus. 67 Prozent haben die Getränkepreise erhöht, 47 Prozent die Eintrittspreise, 39 Prozent die Fremdvermietung ausgebaut. 62 Prozent haben ihre musikalische Ausrichtung erweitert, 60 Prozent Booking und Kuration angepasst, die Hälfte die Veranstaltungszeiten verschoben.
Auffällig ist, wie stark Zusammenarbeit zum Normalfall wird: 62 Prozent kooperieren mit anderen Bereichen der Kreativwirtschaft, 55 Prozent mit anderen Clubs und Venues, 45 Prozent mit Initiativen und NGOs. Parallel investieren die Häuser in ihre Strukturen – 50 Prozent haben die Diversität im Team erhöht, ein Drittel das Tür- und Securitypersonal geschult.
Der Haken, der noch dazukommt
Ein Punkt fehlt in der Studie, gehört aber daneben: Ab Januar 2027 sollen nach dem Entwurf des Haushaltsbegleitgesetzes die Steuern auf Spirituosen, Sekt und Alkopops um jeweils 20 Prozent steigen. Bier und Wein bleiben ausgenommen. Der Getränkeverkauf, der laut Studie ohnehin als tragende Säule wegbricht, wird also zusätzlich teurer im Einkauf. Das Gesetz ist noch im parlamentarischen Verfahren und nicht beschlossen.
Was das bedeutet
Die interessanteste Zahl der Studie ist nicht der Verlust, sondern der Eintritt. Wenn 59 Prozent der Einnahmen an der Kasse hereinkommen müssen, wird der Türpreis zum Filter. 92 Prozent der Befragten sagen selbst, dass Eintrittspreise für bestimmte Gruppen eine Hürde sind. Eine Szene, die sich über den Eintritt finanziert, sortiert an der Tür aus – und zwar nicht nach Lust auf Musik, sondern nach Kontostand.
Das ist der Punkt, an dem uns die Zahlen wirklich angehen. Clubkultur lebt davon, dass unterschiedliche Leute im selben Raum stehen. Wird der Zugang zur Geldfrage, verliert sie genau das, was sie ausmacht. Ein Grund mehr für alles, was ohne Türpreis funktioniert: Webradio, Streams, Community-Formate, Free Open Airs auf legalen Flächen. Das ersetzt keinen Club. Aber es hält den Zugang offen, während die Häuser um ihre Grundlage kämpfen.
Die Eckdaten
Studie: „Clubkultur Berlin 2026″
Herausgeber: Clubcommission Berlin e.V. im Auftrag der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe
Vorgestellt: 7. August 2026 an Bord der Hoppetosse
Quantitativ: Goldmedia, 19. März bis 24. April 2026, 163 begonnene Teilnahmen, 102 vollständige Fragebögen
Qualitativ: zwölf Leitfadeninterviews mit Clubgänger:innen zwischen 22 und 28, geführt von Dr. Martin Fuller, Tresor Academy
Umfang: vier Kernforderungen aus sechs Handlungsfeldern – Flächen aktivieren, verlässlich fördern, Clubs rechtlich als Kulturstätten anerkennen, Arbeitsbedingungen verbessern
Volltext: kostenlos bei der Clubcommission abrufbar
Quellen: Clubcommission Berlin, „Neue Studie zur Berliner Clubkultur“ (7. August 2026, inklusive Download der vollständigen Studie); Berichterstattung von Tagesspiegel, Berliner Zeitung, GROOVE und FAZEmag. Angaben zur geplanten Alkoholsteuer nach dem Regierungsentwurf des Haushaltsbegleitgesetzes 2027; das Gesetz ist noch nicht beschlossen, Sätze und Termine können sich ändern. Alle Prozentwerte beziehen sich auf die Befragten der Studie, nicht auf die Gesamtheit aller Berliner Clubs. Stand des Beitrags: 6. September 2026.