RAW-Gelände: Die Clubs bleiben – und bekommen Nachbarn
RAW-Gelände: Die Clubs bleiben – und bekommen Nachbarn
Nach Jahren Streit liegt ein Kompromiss auf dem Tisch. Cassiopeia, Crack Bellmer, Weißer Hase und die Skatehalle bekommen Planungssicherheit für zunächst zwei Jahre. Der Preis: Auf dem Areal sollen erstmals Wohnungen entstehen. Endgültig beschlossen ist noch nichts.
Das Wichtigste vorweg
Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg und die Eigentümerin Kurth-Gruppe haben sich Mitte August auf einen Mietvertrag für das sogenannte Soziokulturelle L und einen Rahmenvertrag zur weiteren Entwicklung des RAW-West-Geländes verständigt. Der Bezirk wird ab September für zwei Jahre Zwischenmieter und vermietet an die bestehenden Nutzer weiter. Parallel läuft das Bebauungsplanverfahren mit geänderten Zielen weiter – künftig sind auf dem Gelände auch Wohnungen vorgesehen.
Was vereinbart wurde
Der Interimsmietvertrag soll ab September 2026 gelten, zunächst für zwei Jahre, mit Option auf ein drittes. In dieser Zeit soll der Bebauungsplan fertig werden. Ist er festgesetzt, endet der Zwischenmietvertrag mit dem Bezirk – dann übernimmt eine noch zu bestimmende Generalmieterin das Soziokulturelle L mietfrei für 30 Jahre.
Der Bezirk stemmt dafür laut Berichten rund zwei Millionen Euro, das Land eine weitere Million. Bei der Haushaltslage beider Ebenen ist das eine deutliche Prioritätensetzung.
Der Preis: rund 300 Wohnungen
Im Gegenzug wird auf dem Areal gebaut. Nach Angaben der Senatsverwaltung sind etwa 300 Mietwohnungen vorgesehen, rund ein Drittel davon gefördert. Eigentumswohnungen sind nach dem bekannten Planungsstand nicht geplant. Der Bebauungsplan soll auf einer Fläche von rund 130.000 Quadratmetern Neubau ermöglichen – inklusive eines 100 Meter hohen Gebäudes an der Warschauer Brücke.
Wohnen auf einem Clubgelände war in früheren Planungsphasen ausgeschlossen worden, genau wegen der absehbaren Konflikte. Dass es jetzt drin ist, ist der eigentliche Kern des Kompromisses.
Was noch offen ist
Die Abstimmungen
Der Mietvertrag steht unter Zustimmungsvorbehalt des Hauptausschusses des Abgeordnetenhauses sowie der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg. Beide Termine lagen Anfang September.
Der Schallschutz
Vor Unterzeichnung muss nachgewiesen werden, dass Wohnen neben laufendem Clubbetrieb emissionsrechtlich überhaupt machbar ist. Ohne diesen Nachweis kein Vertrag.
Der Generalmieter
Wer nach dem Bebauungsplan die 30 Jahre übernimmt, ist offen. Damit steht die eigentliche Langfristlösung noch aus.
Die Skepsis der Clubcommission
Marcel Weber, Vorsitzender der Clubcommission, nannte die Einigung im RBB-Inforadio zunächst eine gute Nachricht – verwies aber darauf, dass damit keine dauerhafte Lösung auf dem Tisch liege. Sein größter Kritikpunkt ist der Lärmschutz: Wenn neue Bewohnerinnen und Bewohner einziehen und sich später über den Clublärm beschweren, könnten sie damit durchkommen. Das ist keine Theorie, sondern das Muster, an dem in Berlin schon mehrere Läden gescheitert sind.
Was das bedeutet
Der Kompromiss ist besser als das, was drohte – vier Clubs standen zwischenzeitlich vor dem Aus. Zwei bis drei Jahre Planungssicherheit sind für Häuser, die zuletzt mit Halbjahresverträgen lebten, ein echter Unterschied.
Trotzdem lohnt der nüchterne Blick: Gesichert ist eine Übergangszeit, nicht die Zukunft. Die entscheidende Frage – wie Wohnen und Clubbetrieb dauerhaft nebeneinander funktionieren – ist vertagt, nicht gelöst. Solange Clubs baurechtlich nicht als Kulturstätten gelten, zieht im Zweifel der Lärmschutz. Genau diese rechtliche Anerkennung fordert die Clubcommission in ihrer aktuellen Studie. Am RAW lässt sich gerade besichtigen, warum.
Die Eckdaten
Ort: RAW-West-Gelände, Friedrichshain, nördlich der Warschauer Brücke
Beteiligte: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen · Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg · Kurth-Gruppe als Eigentümerin
Betroffene Orte: unter anderem Cassiopeia, Crack Bellmer, Weißer Hase, Skatehalle Berlin und weitere Betriebe im Soziokulturellen L
Interimsmietvertrag: ab September 2026, zwei Jahre, Option auf ein weiteres
Danach: Generalmieterin übernimmt mietfrei für 30 Jahre, sobald der Bebauungsplan festgesetzt ist
Geplanter Wohnungsbau: rund 300 Mietwohnungen, etwa ein Drittel gefördert
Status: unter Zustimmungsvorbehalt zweier Gremien und einer Machbarkeitsprüfung zum Lärmschutz
Quellen: Pressemitteilung Nr. 251 des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg (12. August 2026); Tagesspiegel; Berliner Zeitung; ENTWICKLUNGSSTADT und Loop Rituals zu Details des Kompromisses; Angaben zur Wohnungszahl nach dpa unter Berufung auf die Senatsverwaltung. Der Verfahrensstand kann sich kurzfristig ändern – dieser Beitrag gibt den Stand vom 6. September 2026 wieder, Angaben ohne Gewähr. Journalistische Einordnung, keine Rechtsberatung.