Ein Euro pro Ticket: Die Clubs organisieren ihre Solidarität jetzt selbst
Ein Euro pro Ticket: Die Clubs organisieren ihre Solidarität jetzt selbst
Aus dem Kölner Modell wird ein bundesweites Pilotprojekt. Große Häuser schlagen einen Euro pro Ticket auf und zahlen ihn in einen gemeinsamen Topf – kleine Läden bekommen daraus mehr zurück, als sie einzahlen. Seit dem 1. September läuft die Anmeldung.
Das Wichtigste vorweg
Die Bundesstiftung LiveKultur hat eine Projektförderung der Initiative Musik bekommen, um den sogenannten Club-Euro bundesweit zu erproben. Das Prinzip: Teilnehmende Spielstätten erheben einen Euro zusätzlich pro verkauftem Ticket und führen ihn ab. Über einen kapazitätsabhängigen Schlüssel fließt das Geld zurück – große Häuser tragen kleine mit. Die Teilnahme ist freiwillig, Clubs und Veranstaltende können sich ab sofort melden.
Wie das funktioniert
Das Modell ist bewusst simpel gehalten. Wer mitmacht, legt einen Euro auf jedes verkaufte Ticket. Die Summe wandert in einen gemeinsamen Fonds, der quartalsweise abgerechnet wird. Verteilt wird nach Kapazitätsklassen: Wer viele Plätze hat, zahlt ein. Wer wenige hat, bekommt einen Zuschlag – im Kölner Original nach Branchenangaben bis zu 2,50 Euro pro Ticket, also deutlich mehr als den eingezahlten Euro. Die Differenz stemmen die großen Häuser.
Getragen wird der bundesweite Rollout von der Bundesstiftung LiveKultur über den Live Music Fund. Sie übernimmt die rechtliche Prüfung, die Vertragsstrukturen und die Verteilung zwischen den Städten. Die Projektleitung hat am 1. September Zora Brändle übernommen.
Warum ausgerechnet jetzt
Der Bundestag sagt: strukturell
Ein aktueller Sachstand des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestags stuft die Krise der Club- und Nachwuchsszene als strukturelles Problem ein – nicht als vorübergehende Konjunkturdelle. Zugleich bestätigt er, dass der Bund für eine Abgabe im Livemusikbereich zuständig wäre, ähnlich wie bei der Filmförderabgabe.
Berlin liefert die Zahlen
Die im August vorgestellte Studie der Clubcommission zeigt: Nur noch 61 Prozent der befragten Berliner Clubs arbeiten mindestens kostendeckend. Die Tanzflächen sind dabei voll. Es fehlt also nicht am Publikum, sondern an einem tragfähigen Finanzierungsmodell.
Felix Grädler, Vorstandsmitglied der Bundesstiftung LiveKultur und Initiator des Live Music Fund, bringt den Kern so auf den Punkt: Wenn sich Häuser selbst in Berlin bei voller Auslastung nicht mehr tragen, liege das Problem nicht am Publikum. Und statt auf die Politik zu warten, „organisieren die Clubs ihre Solidarität jetzt selbst“.
Das Vorbild aus Köln
Entwickelt wurde der Club-Euro von der KLUBKOMM, dem Verband Kölner Clubs und Veranstaltender. Vorgestellt wurde er dort im April 2026. Die Idee dahinter: Die großen Spielstätten geben etwas ab, damit die kleinen Bühnen bestehen bleiben – jene Orte also, an denen künstlerische Laufbahnen anfangen. Nach Angaben der KLUBKOMM erreicht die freie Live-Szene in Köln jenseits von Stadion und Arena über 1,5 Millionen Menschen im Jahr. Ausdrücklich betont wurde dabei, dass die Eigenleistung der Szene keinen Rückzug von Stadt, Land oder Bund aus der Förderverantwortung rechtfertigt.
Was im Pilotprojekt geprüft wird
Das Pilotprojekt läuft in mehreren Metropolregionen und soll klären, unter welchen Bedingungen das Modell trägt. Untersucht werden unter anderem die Beteiligungsbereitschaft der Häuser, sinnvolle Anreizstrukturen, die Governance und die Akzeptanz beim Publikum. Parallel entsteht ein Kommunikationskonzept, das den Aufschlag auf dem Ticket verständlich erklärt – denn auf dem Beleg taucht am Ende ein Euro mehr auf.
Was das bedeutet
Uns gefällt daran, dass es kein Bittbrief ist. Die Szene wartet nicht, bis irgendwo ein Fördertopf aufgeht, sondern baut sich selbst einen – und zwar so, dass die Arena für den Kellerclub mitzahlt. Das ist genau die Umverteilung, über die sonst nur geredet wird.
Zwei Dinge bleiben trotzdem offen. Erstens funktioniert das Prinzip nur, wenn genug große Häuser mitmachen – bei Freiwilligkeit ist das keine Selbstverständlichkeit. Zweitens ist ein Euro pro Ticket ein Euro mehr für die Gäste, und die Clubstudie sagt deutlich, dass Eintrittspreise für manche längst eine Hürde sind. Wer das Modell verteidigt, muss diesen Punkt mitdenken statt ihn wegzumoderieren. Solidarität von unten ersetzt außerdem keine Kulturförderung. Das sagen die Initiatoren selbst.
Die Eckdaten
Was: Club-Euro – freiwilliger Aufschlag von einem Euro pro verkauftem Ticket
Wer: Bundesstiftung LiveKultur über den Live Music Fund, gefördert von der Initiative Musik
Bekanntgegeben: 27. August 2026
Projektleitung: Zora Brändle, seit 1. September 2026
Verteilung: kapazitätsabhängiger Schlüssel, quartalsweise Abrechnung
Vorbild: das Modell der KLUBKOMM in Köln
Teilnahme: freiwillig, Clubs und Veranstaltende können sich ab sofort melden
Kontakt: zora@livemusicfund.de
Quellen: Pressemitteilung der Bundesstiftung LiveKultur (27. August 2026); FAQ zum Club-Euro-Modell beim Live Music Fund; FAZEmag; GROOVE; MusikWoche und Melodiva zum Kölner Ursprungsmodell; Sachstand des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestags; Studie „Clubkultur Berlin 2026″ der Clubcommission. Hinweis: Die Angabe von bis zu 2,50 Euro Zuschlag und die Zahl der beteiligten Kölner Häuser stammen aus einem einzelnen Branchenbericht und sind nicht unabhängig bestätigt. Konditionen und Teilnehmerkreis des Pilotprojekts können sich ändern – Angaben ohne Gewähr. Stand des Beitrags: 11. September 2026.