RAW-Gelände unter Druck: Cassiopeia bekommt Räumungsfrist
RAW-Gelände unter Druck: Cassiopeia bekommt Räumungsfrist
Berlin-Friedrichshain, Mitte Juni 2026.
Dem Club Cassiopeia auf dem RAW-Gelände droht das Aus – die Eigentümerin hat eine Räumungsaufforderung mit nur zwei Wochen Frist zugestellt. Senat und Bezirk sprechen von einseitig abgebrochenen Verhandlungen, die Kurth-Gruppe vom Scheitern des Bebauungsplanverfahrens. Ein Stück Berliner Clubkultur steht zur Disposition.
Worum es geht
Am 15. Juni 2026 teilten Senat und Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg mit, dass die Verhandlungen mit der Kurth-Gruppe, der Eigentümerin des RAW-West-Areals, zum Bebauungsplanverfahren gescheitert seien. Die Kurth-Gruppe widerspricht – nicht sie habe abgebrochen, sondern der Bezirk habe ein Treffen 24 Stunden vorher abgesagt.
Klar ist: Mehrere Kultureinrichtungen auf dem Gelände sollen Räumungsaufforderungen erhalten haben. Beim Cassiopeia bleiben nur noch rund zweieinhalb Wochen, um die Räume zu verlassen. Geschäftsführer Florian Falkenhagen zeigte sich gegenüber dem rbb fassungslos: „Da soll in zweieinhalb Wochen ein 20 Jahre alter Betrieb abgewickelt werden.“ Eine Räumung Ende Juni würde laut Jens Schwan, Sprecher der „Soziokulturellen Einrichtungen“ auf dem Gelände, „die sofortige Insolvenz“ bedeuten.
Zehn Jahre Streit – jetzt der Bruch
Die Kurth-Gruppe aus Göttingen erwarb das RAW-Gelände 2015 und ist seither Eigentümerin eines Großteils des rund 52.000 Quadratmeter großen Areals zwischen Revaler Straße und Warschauer Brücke. Über die Zukunft des Geländes wird seit mehr als einem Jahrzehnt verhandelt. Es geht um eines der bekanntesten Ausgehviertel Berlins, in dem über 100 Künstler:innen Atelierplätze haben und sich neben Clubs auch Sportangebote, Märkte, Gastronomie und Kulturprojekte angesiedelt haben. Das Cassiopeia gilt dabei als wirtschaftlicher Anker des sogenannten „soziokulturellen L“ – ohne ihn könnten auch viele kleinere Kultur-, Sport- und Gewerbeangebote in Schieflage geraten.
Die Kurth-Gruppe plant ein 100 Meter hohes Bürogebäude sowie Wohnungen auf dem Areal und will es von einem subkulturellen Hotspot zu einem gemischt genutzten Stadtviertel entwickeln. Bezirk und Senat verlangen im Gegenzug eine langfristige Sicherung der kulturellen Nutzung.
Die Kernforderungen im Überblick
- Land Berlin: Wohnungsbau möglich, aber im Gegenzug ein 30-jähriges Bleiberecht für die Kultureinrichtungen zu bezahlbaren Mieten – mit Schutz vor Kündigungen. Der Senat hat angeboten, sich an den Investitionsmaßnahmen sowie am Ausbau des Lärmschutzes zu beteiligen.
- Kurth-Gruppe: Bietet laut Senat eine Sicherung der Kultureinrichtungen für drei Jahre. Möchte seit Januar 2026 den sogenannten „Bauturbo“ ziehen – eine vorzeitige Genehmigung für den Wohnungsbau.
- Konsequenz ohne Einigung: Statt Wohnungen wären auf Teilen des Geländes nur noch Gewerbeflächen möglich.
Gegenseitige Vorwürfe
Martin Pallgen, Sprecher der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, nennt es „unverständlich“, warum der Eigentümer „das Gespräch verweigert und ohne Rücksprache oder Diskussion das Verfahren einseitig abgebrochen“ habe. Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) appelliert öffentlich an die Firma Kurth, „an den Verhandlungstisch zurückzukehren“.
Die Kurth-Gruppe wiederum erklärt: „Wir sehen das Verfahren damit als gescheitert an. Die Aussichten fehlen, innerhalb von drei Jahren für alle Seiten zu einem rechtssicheren Abschluss zu gelangen.“ Im übermittelten Vertragsentwurf sei kein einziger Belang der Eigentümerin berücksichtigt worden. Die Eigentümerin verweist außerdem auf einen gemeinsamen Termin am 30. April, der weniger als 24 Stunden vorher vom Bezirksamt mit Hinweis auf fehlende Vorbereitung abgesagt worden sein soll – sie selbst habe mehrfach auf dessen Durchführung gedrängt.
Pikant: Laut Tagesspiegel-Informationen soll es beim Cassiopeia und weiteren betroffenen Einrichtungen zudem Schwierigkeiten bei den Mietzahlungen gegeben haben. Eine offizielle Bestätigung dazu liegt nicht vor.
Was das bedeutet
Wenn Ende Juni geräumt wird, verliert Berlin nicht nur einen Club, sondern einen Teil seiner gewachsenen Infrastruktur. Das RAW ist seit Jahren ein Knotenpunkt für Konzerte, kleinere Raves, Skate-Kultur, Ateliers und Streetart – ein Ort, der gerade durch seine Mischung funktioniert. Fällt ein Anker wie das Cassiopeia, gerät das ganze Gefüge ins Rutschen. Wie es weitergeht, hängt davon ab, ob sich Bezirk, Senat und Eigentümerin in den nächsten Tagen doch noch an einen Tisch setzen.
Nicht der erste Versuch
Schon im Februar 2026 hatte die Kurth-Gruppe Nutzungsuntersagungen für gleich mehrere Betriebe auf dem Gelände ausgesprochen – darunter das Crack Bellmer, das Cassiopeia, den Weißen Hasen und den Lokschuppen. Diese konnten damals abgewendet werden. Mit dem Scheitern der Verhandlungen ist die aktuelle Eskalation also kein einmaliger Vorgang, sondern die nächste Stufe eines langen Konflikts.
Inzwischen formiert sich politischer Widerstand: Grüne, Linke und SPD in der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg wollen eine Sondersitzung des Ausschusses für Stadtentwicklung einberufen – gemeinsam mit Senat und Kurth-Gruppe, um Transparenz über den Verhandlungsstand und die Bedrohung von Soziokultur und Clubs herzustellen.
Im größeren Bild
Die Situation auf dem RAW reiht sich ein in eine längere Entwicklung. Das Watergate hat Ende 2024 geschlossen, das Mensch Meier Ende 2023. Die Clubcommission warnte zuletzt, dass jedem zweiten Berliner Club in absehbarer Zeit das wirtschaftliche Aus drohe – die Gewinne der Berliner Clubs seien innerhalb eines Jahres um 19 Prozent eingebrochen.
Parallel arbeiten die TU Berlin und die Universität der Künste an einem Projekt, das verschwundene Berliner Clubs digital per VR-Brille erfahrbar machen soll – ein Vorhaben, das die Dimension des Verlustes greifbar macht, aber keine Räume zurückbringt.
Was du tun kannst
Wer den Cluberhalt unterstützen möchte: Unter dem Titel „Rettet das Cassiopeia“ läuft auf change.org eine Petition, die die sofortige Aussetzung der Räumung und die langfristige Sicherung der kulturellen Nutzung auf dem RAW-Gelände fordert. Ob und wie man sich beteiligt, bleibt natürlich jedem selbst überlassen – aber wer die Berliner Clubkultur am Herzen trägt, findet hier einen direkten Weg, Haltung zu zeigen.
📡 Wir bleiben dran. Sobald sich die Lage rund um das RAW-Gelände konkretisiert, melden wir uns hier wieder. Wer aktuelle Updates zur Berliner Clubkultur direkt mitbekommen will, folgt OHRENFOOD® auf Instagram oder Threads.
Quellen:
Tagesspiegel (15.06.2026, Robert Klages) ·
FAZEmag (16.06.2026) ·
Groove (16.06.2026) ·
Entwicklungsstadt (15.06.2026) ·
t-online (16.06.2026)
Stand des Beitrags: 19. Juni 2026. Direkte Zitate von Akteuren stammen aus den verlinkten Originalquellen.