RAW-Gelände: Die Clubs bleiben – und bekommen Nachbarn
RAW-Gelände: Die Clubs bleiben – und bekommen Nachbarn
Nach Jahren Streit liegt ein Kompromiss auf dem Tisch. Cassiopeia, Crack Bellmer, Weißer Hase, die Skatehalle und der Sommergarten bekommen Planungssicherheit für zunächst zwei Jahre. Der Preis: Auf dem Areal sollen erstmals Wohnungen entstehen. Endgültig beschlossen ist noch nichts.
Das Wichtigste vorweg
Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg und die Eigentümerin Kurth-Gruppe haben sich Mitte August auf einen Mietvertrag für das sogenannte Soziokulturelle L und einen Rahmenvertrag zur weiteren Entwicklung des RAW-West-Geländes verständigt. Der Bezirk wird ab September für zwei Jahre Zwischenmieter und vermietet an die bestehenden Nutzer weiter. Parallel läuft das Bebauungsplanverfahren mit geänderten Zielen weiter – künftig sind auf dem Gelände auch Wohnungen vorgesehen.
Was vereinbart wurde
Der Interimsmietvertrag soll ab September 2026 gelten, zunächst für zwei Jahre, mit Option auf ein drittes. In dieser Zeit soll der Bebauungsplan mit der Nummer 2-25a fertig werden – spätestens bis März 2029, so steht es in der Vereinbarung. Ist er festgesetzt, endet der Zwischenmietvertrag mit dem Bezirk. Dann übernimmt eine noch zu bestimmende Generalmieterin das Soziokulturelle L mietfrei für 30 Jahre, und die einzelnen Kultur- und Freizeitbetriebe schließen mit ihr eigene Untermietverträge ab.
Wer zahlt was
Die Miete für das Soziokulturelle L liegt bei rund einer Million Euro im Jahr. Mit 11,20 Euro pro Quadratmeter orientiert sie sich an der Marktmiete. Für die ersten beiden Jahre trägt der Bezirk diese Summe, bei einer Verlängerung um das dritte Jahr springt die Senatsverwaltung ein – so kommen die rund zwei Millionen Euro beim Bezirk und die eine Million beim Land zusammen.
Ein Teil davon fließt direkt zurück in die Gebäude. Rund 40 Prozent der Mietzuschüsse muss die Kurth-Gruppe nach der Vereinbarung in die marode Bausubstanz stecken. Wird der Bebauungsplan schneller fertig als geplant, darf zusätzlich die Hälfte der für das dritte Jahr eingeplanten Landesmittel in die Gebäude gehen. Insgesamt dürfte der Bestand nach Berechnungen des Tagesspiegels rund zwei Millionen Euro Investition brauchen, bevor eine Generalmieterin ihn übernimmt.
Angesichts der Haushaltslage von Bezirk und Land ist das eine deutliche Prioritätensetzung – Baustadtrat Florian Schmidt nannte den Beschluss seines Bezirksamts „unglaubliche Prioritätensetzung“ und stellte die Gegenfrage, was es bedeuten würde, diesen Kulturstandort zu verlieren.
Der Preis: rund 300 Wohnungen
Im Gegenzug wird auf dem Areal gebaut. Nach Angaben der Senatsverwaltung sind etwa 300 Mietwohnungen vorgesehen, rund ein Drittel davon gefördert. Eigentumswohnungen sind nach dem bekannten Planungsstand nicht geplant. Der Bebauungsplan soll auf einer Fläche von rund 130.000 Quadratmetern Neubau ermöglichen – inklusive eines 100 Meter hohen Gebäudes an der Warschauer Brücke.
Wohnen auf einem Clubgelände war in früheren Planungsphasen ausgeschlossen worden, genau wegen der absehbaren Konflikte. Dass es jetzt drin ist, ist der eigentliche Kern des Kompromisses.
Was noch offen ist
Die Abstimmungen
Der Mietvertrag steht unter Zustimmungsvorbehalt des Hauptausschusses des Abgeordnetenhauses, der am 2. September tagte, sowie der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg, deren Sitzung für den 9. September vorgesehen war. Beide mussten noch vor der Abgeordnetenhauswahl am 20. September entscheiden.
Der Schallschutz
Vor Unterzeichnung muss nachgewiesen werden, dass Wohnen neben laufendem Clubbetrieb emissionsrechtlich überhaupt machbar ist. Ohne diesen Nachweis kein Vertrag.
Der Generalmieter
Wer nach dem Bebauungsplan die 30 Jahre übernimmt, ist offen. Damit steht die eigentliche Langfristlösung noch aus.
Die Skepsis der Clubcommission
Marcel Weber, Vorsitzender der Clubcommission, nannte die Einigung im RBB-Inforadio zunächst eine gute Nachricht – verwies aber darauf, dass damit keine dauerhafte Lösung auf dem Tisch liege. Sein größter Kritikpunkt ist der Lärmschutz: Wenn neue Bewohnerinnen und Bewohner einziehen und sich später über den Clublärm beschweren, könnten sie damit durchkommen. Das ist keine Theorie, sondern das Muster, an dem in Berlin schon mehrere Läden gescheitert sind.
Was das bedeutet
Der Kompromiss ist besser als das, was drohte – vier Clubs standen zwischenzeitlich vor dem Aus, nachdem die Eigentümerin das Planverfahren für gescheitert erklärt und einzelne Betriebe zur Räumung aufgefordert hatte. Zwei bis drei Jahre Planungssicherheit sind für Häuser, die zuletzt in dieser Lage waren, ein echter Unterschied.
Trotzdem lohnt der nüchterne Blick: Gesichert ist eine Übergangszeit, nicht die Zukunft. Die entscheidende Frage – wie Wohnen und Clubbetrieb dauerhaft nebeneinander funktionieren – ist vertagt, nicht gelöst. Solange Clubs baurechtlich nicht als Kulturstätten gelten, zieht im Zweifel der Lärmschutz. Genau diese rechtliche Anerkennung fordert die Clubcommission in ihrer aktuellen Studie. Am RAW lässt sich gerade besichtigen, warum.
Die Eckdaten
Ort: RAW-West-Gelände, Friedrichshain, nördlich der Warschauer Brücke
Beteiligte: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen · Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg · Kurth-Gruppe als Eigentümerin
Betroffene Orte: unter anderem Cassiopeia, Crack Bellmer, Weißer Hase, Skatehalle Berlin und der Sommergarten
Interimsmietvertrag: ab September 2026, zwei Jahre, Option auf ein weiteres
Miete: rund eine Million Euro im Jahr, 11,20 Euro pro Quadratmeter, davon etwa 40 Prozent für die Bausubstanz
Bebauungsplan: Verfahren 2-25a, Abschluss spätestens März 2029
Danach: Generalmieterin übernimmt mietfrei für 30 Jahre, Betriebe schließen Untermietverträge
Geplanter Wohnungsbau: rund 300 Mietwohnungen, etwa ein Drittel gefördert
Status: unter Zustimmungsvorbehalt zweier Gremien und einer Machbarkeitsprüfung zum Lärmschutz
Quellen: Pressemitteilung Nr. 251 des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg (12. August 2026); Pressemitteilung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen; Tagesspiegel; Berliner Zeitung; GROOVE; ENTWICKLUNGSSTADT und Loop Rituals zu Details des Kompromisses; Angaben zur Wohnungszahl nach dpa unter Berufung auf die Senatsverwaltung. Zum Ausgang der beiden Sitzungen lag bei der letzten Prüfung dieses Beitrags keine öffentliche Berichterstattung vor. Der Verfahrensstand kann sich kurzfristig ändern – Angaben ohne Gewähr. Journalistische Einordnung, keine Rechtsberatung. Veröffentlicht am 6. September 2026, zuletzt geprüft und ergänzt am 11. September 2026.